Oder: Der Wunsch hinter dem Wunsch

Wünsche sind etwas Großartiges. Sie begeistern, treiben an, locken und motivieren. Für manche sind wir bereit, viel einzusetzen, an anderen bleiben wir lange und manchmal verbissen dran.
Aber warum habe ich eigentlich diesen oder jenen Wunsch? Was treibt mich an, genau diese Reise machen, jenes Auto haben oder endlich einmal Zeit für ein Buch haben zu wollen?
Haben Sie sich schon einmal gefragt, welche Motive hinter einem Ihrer Wünsche stecken?
Meist tun wir das erst, wenn ein Wunsch unerreichbar erscheint und wir uns vielleicht damit abfinden müssen, ihn aufzugeben. Dann kommt die Frage: Warum wünsche ich mir das überhaupt?
Es gehört nicht zu unserem Alltag, sich mit den Motiven hinter den eigenen Wünschen zu beschäftigen. Aber es ist ein interessanter Bereich, in dem sich viel über die eigene Person erfahren lässt.
Der Wunsch hinter dem Wunsch
In der Psychotherapie beschäftigen wir uns viel mit den Wünschen unserer Klienten. Denn sie erzählen häufig etwas sehr Grundsätzliches über einen Menschen. Hinter einem Wunsch steckt ein persönliches Anliegen, ein Bedürfnis, ein Wollen oder manchmal auch eine Not, die endlich befriedigt werden möchte.
Bei einer Urlaubsreise ist es vielleicht zunächst die Vorstellung, sich dort wohlzufühlen, endlich auszuruhen, bei sich selbst anzukommen und einmal nicht dauernd abgelenkt zu sein. Bei einer Fortbildung kann der Wunsch dahinterstehen, etwas Neues zu lernen und sich weiterzuentwickeln – verbunden mit der Hoffnung, dass sich dadurch vielleicht eine neue Tür öffnet.
Wenn man weiterfragt, stößt man auf den Wunsch hinter dem Wunsch.
Ich finde es immer wieder spannend, im Gespräch mit meinem Gegenüber solche grundlegenden Wünsche herauszuarbeiten. Dabei habe ich schon vor langer Zeit den Eindruck gewonnen, dass sich bestimmte Grundthemen erstaunlich hartnäckig durch ein Leben ziehen.
Und nicht selten richtet sich eine besonders starke Sehnsucht gerade auf etwas, das früh gefehlt hat.
Ein Kind, das wenig aufmerksame Begleitung erfahren hat, kann sich auch später besonders stark danach sehnen, dass jemand wirklich für es da ist. Wer mit dem Gefühl groß geworden ist, dass ihm kaum richtig zugehört wird, kann ein Leben lang empfindlich dafür bleiben, ob andere ihm zuhören und ihn ernst nehmen.
Was werfen Sie Ihrem Partner immer wieder vor?
Wollen Sie herausfinden, was Ihnen selbst besonders wichtig ist?
Eine Möglichkeit ist erstaunlich einfach: Erinnern Sie sich an einen Streit mit Ihrem Partner oder Ihrer Partnerin. Was werfen Sie Ihrem Gegenüber in solchen Situationen vor?
Vielleicht:
„Hör mir doch endlich einmal zu.“
„Ich habe immer das Gefühl, alles allein machen zu müssen.“
„Nie bist du für mich da.“
„Immer gibst du mir die Schuld.“
„Dir geht es doch immer nur um dich.“
Andere Menschen sagen solche Sätze nicht laut. Sie denken sie nur und schlucken sie herunter.
Wenn bestimmte Vorwürfe immer wieder auftauchen, lohnt es sich, genauer hinzusehen. Möglicherweise zeigt sich darin ein sehr persönliches Thema, das Sie schon lange begleitet.
Wer beispielsweise immer wieder verzweifelt darüber klagt, alles allein machen zu müssen und von niemandem unterstützt zu werden, kennt dieses Gefühl möglicherweise schon sehr lange.
Aber hier ist eine Unterscheidung wichtig.
Dass es sich um ein eigenes altes Thema handelt, bedeutet nicht, dass der Partner unschuldig sein muss. Es kann durchaus sein, dass Sie mit jemandem zusammenleben, der tatsächlich zu wenig Verantwortung übernimmt, Ihnen zu vieles überlässt und Sie nicht ausreichend unterstützt.
Beides kann gleichzeitig wahr sein.
Und leider begegnet einem gerade diese Kombination gar nicht so selten: Ein Leben lang leide ich darunter, dass ich alles allein machen muss – und finde mich immer wieder in Beziehungen und Situationen, in denen ich tatsächlich zu viel allein mache.
Warum wiederholt sich das?
Wir Menschen sind Gewohnheitsstiere. Und leider sind wir auch ziemlich gut darin, unangenehme Gewohnheiten aufrechtzuerhalten.
Wer früh gelernt hat, dass viele Aufgaben allein bewältigt werden müssen und Hilfe nicht zuverlässig kommt, gewöhnt sich daran. Jahrzehnte später kann er im beruflichen oder familiären Alltag noch immer ganz selbstverständlich Dinge allein erledigen – selbst wenn inzwischen Menschen da wären, die ihm etwas abnehmen könnten.
Vielleicht wird angebotene Hilfe gar nicht richtig wahrgenommen. Vielleicht erscheint eine Aufgabe als nicht teilbar. Oder im Hinterkopf tauchen Sätze auf wie:
„Wenn ich es allein mache, kann ich mich wenigstens darauf verlassen.“
Oder:
„Nur wenn ich es selbst mache, wird es so, wie ich es haben will.“
Dahinter steckt auch Misstrauen. Und das ist zunächst einmal verständlich. Wer früh zu oft erfahren hat, dass andere nicht zuverlässig helfen, hat schließlich etwas über andere Menschen gelernt: Verlass dich lieber auf dich selbst. Aber was einmal eine sinnvolle Lösung war, kann später zum Problem werden. Und damit entsteht ein merkwürdiges Paradox:
Ausgerechnet der Mensch, der sich so sehr danach sehnt, endlich nicht mehr alles allein tragen zu müssen, kann sich auf eine Weise verhalten, die es anderen immer schwerer macht, ihm tatsächlich etwas abzunehmen.
Er kämpft für seinen Wunsch – und hält ihn gleichzeitig außerhalb seiner Reichweite.
Und dann bleibt auch das Buch ungelesen
Damit sind wir wieder bei den scheinbar vordergründigen Wünschen.
Wer früh gelernt hat, fleißig zu sein, gestellte Aufgaben zu erfüllen und vieles allein zu bewältigen, ist häufig weniger darin geübt, sich um die eigenen Belange zu kümmern.
Diese Menschen können oft erstaunlich gut Wünsche zurückstellen, auf Bedürfnisse verzichten, Kompromisse machen – und es aushalten, immer wieder mit leeren Händen dazustehen.
Dann fehlt tatsächlich die Zeit für die Reise, die Ruhepause oder das Buch, das man seit Monaten lesen möchte. Nicht unbedingt, weil diese Wünsche unerfüllbar wären. Sondern weil die eigene Art, das Leben zu organisieren, kaum Raum für ihre Erfüllung lässt.
Und wenn man dann vor allem auf diejenigen wütend wird, die sich offenbar viel selbstverständlicher nehmen, was sie brauchen, entsteht eine weitere Falle: Man beschäftigt sich mit den anderen und ihren schlechten Gewohnheiten. Aber an deren Verhalten können wir nur begrenzt etwas ändern.
Was geschieht, wenn das Gewünschte plötzlich möglich wird?
Vielleicht lohnt sich deshalb eine andere Beobachtung:
Wenn Sie sich danach sehnen, nicht mehr alles allein machen zu müssen: Was geschieht, wenn Ihnen tatsächlich jemand eine Aufgabe abnehmen möchte?
Wenn Sie sich wünschen, dass Ihnen jemand zuhört: Was geschieht in Ihnen, wenn Ihnen tatsächlich jemand aufmerksam zuhört?
Wenn Sie sich mehr Zuwendung wünschen: Was machen Sie, wenn diese Zuwendung einmal ungefragt kommt?
Nehmen Sie die Hilfe an? Können Sie die Aufgabe wirklich abgeben? Können Sie es aushalten, dass jemand anderes sie vielleicht anders erledigt als Sie selbst?
Und können Sie wahrnehmen, dass in diesem Augenblick gerade etwas geschieht, wonach Sie sich vielleicht schon sehr lange sehnen?
Der Schlüssel liegt in einer anderen Erfahrung
Entscheidend ist deshalb nicht nur, weniger Verantwortung zu übernehmen oder häufiger Aufgaben abzugeben. Interessanter ist die Frage, welche Erfahrung dem alten Muster eigentlich fehlt.
Für einen Menschen, der sich seit früher Zeit damit erlebt hat, allein zu viel tragen zu müssen, können das Erfahrungen sein, in denen jemand beisteht, Verantwortung mit übernimmt oder ihn entlastet. Augenblicke, in denen er erleben kann:
Ich muss das nicht allein schaffen. Da ist jemand, der mitträgt.
Für einen anderen Menschen kann der entscheidende Punkt etwas anderes sein: wirklich gehört, ernst genommen, gesehen oder willkommen zu sein.
Der Schlüssel ist deshalb nicht für jeden derselbe. Entscheidend ist, welche alte Erfahrung sich im eigenen Leben immer wieder fortsetzt – und welche neue Erfahrung ihr etwas entgegensetzen könnte.
Solche Erfahrungen verändern aber nicht schon deshalb etwas, weil sie stattfinden. Wir müssen sie auch wahrnehmen, an uns heranlassen und aufnehmen können. Und leider passiert das nicht von allein und es genügt auch nicht, diesen Zusammenhang jetzt verstanden zu haben. Es muss umgesetzt und eine ganze Weile geübt werden.
Sonst kann jemand uns zehnmal helfen – und in unserem inneren Erleben bleibt trotzdem der alte Satz bestehen:
Am Ende muss ich doch alles allein machen.
Vielleicht lohnt es sich deshalb, bei einem unerfüllten Wunsch nicht nur zu fragen:
Warum bekomme ich nicht, wonach ich mich so sehr sehne?
Sondern auch:
Was tue ich eigentlich, wenn genau das, wonach ich mich sehne, plötzlich möglich wird?
Zum Weiterlesen:
Ein Paar sein und bleiben! Teil 2, Erwartungs-Irrtümer auflösen – Neue Wege der Selbststeuerung

Sätze wie „Du hörst mir nie zu“, „Ich muss immer alles allein machen“ oder „Du bist nie für mich da“ erzählen nicht nur etwas über unseren Partner. Sie können auch Hinweise auf Erwartungen und alte Erfahrungen sein, die wir selbst in eine Beziehung mitbringen.
In Ein Paar sein und bleiben! Teil 2 geht es darum, solche Erwartungen nicht nur beim Gegenüber zu suchen, sondern auf die eigene Person zurückzubeziehen – und damit Möglichkeiten zu entdecken, die eigene Seite des Beziehungsgeschehens zu verändern.