
Der Titel klingt zunächst vielleicht etwas provozierend. Denn natürlich ist Leiden real. Wenn ich verletzt, wütend, enttäuscht oder verzweifelt bin, dann empfinde ich genau das – und es wäre wenig hilfreich, mir einzureden, dieses Gefühl sei falsch.
Warum also sollte ich meinem Leiden nicht trauen?
Weil das, was ich in einem solchen Moment über mich, über andere Menschen oder über eine Situation denke, nicht unbedingt die ganze gegenwärtige Wirklichkeit widerspiegelt. Und auch der Impuls, der sich in diesem Moment völlig selbstverständlich und richtig anfühlt, muss nicht unbedingt eine gute Antwort auf die heutige Situation sein.
Gerade wenn wir stark belastet sind, greifen wir besonders leicht auf vertraute Reaktionsweisen zurück. Wir ziehen uns zurück, werden laut, machen Vorwürfe, geben auf, versuchen es allen recht zu machen oder kämpfen darum, endlich verstanden zu werden. Im Augenblick selbst kann sich eine solche Reaktion zwingend anfühlen: Ich kann doch gar nicht anders.
Doch häufig hat diese Reaktion eine längere Geschichte.
Unser Gehirn muss nicht jede Situation von Grund auf neu beurteilen. Es nutzt Erfahrungen, die wir im Laufe unseres Lebens gemacht haben. Das ist ausgesprochen nützlich: Was sich früher bewährt hat, steht uns später schnell wieder zur Verfügung.
Schwierig wird es, wenn eine alte Lösung in einer neuen Situation nicht mehr passt.
Manche dieser Reaktionsweisen haben wir sehr früh gelernt. Vielleicht war Rückzug einmal der beste Schutz. Vielleicht musste man laut werden, um überhaupt gehört zu werden. Vielleicht war es wichtig, sich anzupassen, um Streit zu vermeiden oder Zuwendung nicht zu verlieren.
Was damals eine verständliche und möglicherweise hilfreiche Reaktion war, kann Jahrzehnte später automatisch wieder auftauchen – obwohl wir heute einem anderen Menschen gegenüberstehen und ganz andere Möglichkeiten hätten.
Genau darin liegt der Grund, dem eigenen Leiden manchmal mit einer gewissen Vorsicht zu begegnen: Nicht das Gefühl muss falsch sein. Aber die Geschichte, die es uns über die gegenwärtige Situation erzählt, und die Reaktion, zu der es uns drängt, können von alten Erfahrungen mitbestimmt sein.
Ein Beispiel
Nehmen wir Herrn K.
Als Kind machte er immer wieder die Erfahrung, dass er mit seinen Einwänden kaum Gehör fand. Wenn er sich ungerecht behandelt fühlte und ruhig widersprach, änderte sich wenig. Erst wenn er laut wurde und sich energisch wehrte, reagierten seine Eltern auf ihn.
Herr K. lernte also etwas, das aus seiner damaligen Erfahrung durchaus sinnvoll war: Wenn ich gehört werden will, muss ich mich deutlich und notfalls laut zur Wehr setzen.
Zwanzig oder dreißig Jahre später kann dieses alte Wissen immer noch wirksam sein.
Vielleicht kritisiert ihn sein Chef wegen eines Fehlers. Herr K. empfindet die Kritik als ungerecht. Fast augenblicklich steigt Ärger in ihm auf. Er spürt den starken Impuls, sich zu verteidigen, wird lauter und greift schließlich auch seinen Chef an.
Oder seine Partnerin sagt ihm, dass sie sich von ihm in einer bestimmten Situation allein gelassen gefühlt habe. Auch hier hört Herr K. möglicherweise nicht nur das, was seine Partnerin tatsächlich sagt. Sehr schnell entsteht wieder das vertraute Erleben: Ich werde ungerecht behandelt. Ich muss mich wehren.
Das Entscheidende daran ist: Herr K. denkt in diesem Moment vermutlich nicht an seine Kindheit. Er sagt sich nicht: Jetzt wende ich einmal meine alte Strategie an.
Für ihn geht es um das Hier und Jetzt.
Sein Ärger ist real. Das Gefühl, ungerecht behandelt zu werden, ist real. Und auch sein Impuls, sich zu verteidigen, fühlt sich vollkommen gegenwärtig und plausibel an.
Gerade deshalb ist es so schwer zu erkennen, dass in diesem gegenwärtigen Erleben möglicherweise auch Vergangenheit steckt.
Die Vergangenheit mischt sich in die Gegenwart ein
Wir erleben eine Situation niemals vollkommen voraussetzungslos. Unser Gehirn nutzt frühere Erfahrungen, um das, was gerade geschieht, möglichst schnell einzuordnen. Meist ist das ausgesprochen hilfreich. Ohne diese Fähigkeit müssten wir die Welt in jedem Augenblick neu verstehen lernen.
Aber dieselbe Fähigkeit kann uns auch Schwierigkeiten bereiten.
Wenn eine gegenwärtige Situation etwas berührt, das wir aus früheren belastenden Erfahrungen kennen, kann sich die alte Erfahrung in unsere heutige Wahrnehmung einmischen. Wir achten dann besonders auf das, was zu unserer Erwartung passt. Wir reagieren schneller auf bestimmte Signale. Und manchmal behandeln wir einen Menschen, der heute vor uns steht, ein Stück weit so, als wäre er jemand aus unserer Vergangenheit.
Bei Herrn K. könnte das bedeuten: Der Chef kritisiert ihn tatsächlich. Die Partnerin ist tatsächlich unzufrieden. Es ist also keineswegs alles nur Einbildung.
Aber was Herr K. daraus macht – Ich werde nicht ernst genommen. Ich werde ungerecht behandelt. Ich muss mich wehren – kann stärker von seiner eigenen Geschichte geprägt sein, als ihm in diesem Augenblick bewusst ist.
Und seine Reaktion hat Folgen.
Der Chef erlebt einen Mitarbeiter, der auf Kritik aggressiv reagiert. Die Partnerin erlebt einen Mann, mit dem sie kaum über ihre Enttäuschung sprechen kann, ohne dass ein Streit entsteht.
Damit kann etwas ausgesprochen Tragisches geschehen: Eine alte Reaktion, die einmal dazu diente, sich zu schützen oder Gehör zu verschaffen, trägt heute dazu bei, genau die Schwierigkeiten hervorzubringen, unter denen man anschließend leidet.
Herr K. fühlt sich nicht verstanden – und reagiert auf eine Weise, die es anderen Menschen schwerer macht, ihn zu verstehen.
Deshalb: Traue deinem Leiden nicht?
Vielleicht wird jetzt deutlicher, was mit dem Titel gemeint ist.
Er bedeutet nicht: Dein Leiden ist falsch.
Und schon gar nicht: Stell dich nicht so an.
Das eigene Leiden verdient Aufmerksamkeit. Es zeigt, dass etwas in uns auf eine Situation reagiert und dass diese Situation für uns Bedeutung hat.
Aber wir können lernen, zwischen zwei Dingen zu unterscheiden:
Was erlebe ich gerade?
und:
Welche Schlussfolgerung ziehe ich daraus?
Ich kann mich verletzt fühlen, ohne dass der andere mich verletzen wollte.
Ich kann mich abgelehnt fühlen, ohne dass ich tatsächlich abgelehnt werde.
Ich kann große Angst haben, ohne dass die gegenwärtige Situation so gefährlich ist, wie sie sich anfühlt.
Und ich kann mich ungerecht behandelt fühlen, ohne schon sicher zu wissen, was mein Gegenüber tatsächlich beabsichtigt hat.
Das Gefühl darf also da sein. Aber bevor ich aus ihm heraus handle, lohnt sich manchmal ein kurzer Moment des Innehaltens:
Was geschieht gerade mit mir?
Worauf reagiere ich eigentlich so stark?
Gehört alles, was ich gerade empfinde, wirklich zu dieser Situation?
Und schließlich:
Was würde ich tun, wenn ich mich für einen Moment etwas sicherer und ruhiger fühlen könnte?
Damit beginnt etwas Entscheidendes: Zwischen dem Erleben und der gewohnten Reaktion entsteht ein kleiner Spielraum.
Und genau dieser Spielraum ermöglicht es, heute anders zu handeln als damals.
Wenn Sie mehr darüber wissen möchten
Wie solche alten Reaktionsmuster entstehen, warum sie sich so hartnäckig halten können und vor allem, wie wir lernen können, anders mit ihnen umzugehen, darum geht es ausführlicher in meinem Buch „Traue Deinem Leiden nicht“.

Zum Weiterlesen:
Traue Deinem Leiden nicht
Wenn wir verletzt, ärgerlich oder bedrückt sind, fühlt sich unsere Sicht auf die Situation oft vollkommen selbstverständlich an. Doch gerade dann können alte Erfahrungen unsere Wahrnehmung und unser Verhalten stärker beeinflussen, als uns bewusst ist.
Dieses Buch zeigt, wie solche vertrauten Reaktionsmuster entstehen, wie Sie sie im Alltag erkennen und wie Sie wieder mehr Abstand und Handlungsspielraum gewinnen können. 40 praktische Übungen helfen dabei, eingefahrene Reaktionen zu unterbrechen und neue Erfahrungen zu ermöglichen.
Warum eigentlich dieses auffällige Titelbild?
Das rothaarige Mädchen auf dem Cover macht etwas Ungewöhnliches. Es hüpft oder tanzt, bewegt die Arme und schaut dabei ausgesprochen vergnügt.
Das ist nicht zufällig so.
Denn darin ist bereits einer der möglichen Auswege aus dem Gefangensein im eigenen Leiden angedeutet: etwas anders zu machen als gewohnt.
Wenn wir mitten in einem belastenden Zustand einmal aufspringen, die Arme ausschütteln, eine völlig ungewohnte Bewegung machen oder uns ganz bewusst anders verhalten, als es unserem momentanen Zustand entspricht, kann das ein eingefahrenes Muster für einen Moment unterbrechen.
Das Problem ist damit natürlich nicht gelöst. Aber manchmal entsteht genau dadurch ein kleiner Abstand zu dem Zustand, in dem eben noch alles selbstverständlich, zwingend und unveränderbar erschien.
Und dieser kleine Moment kann reichen, um etwas Neues möglich zu machen.
Das könnte Sie auch interessieren:
In meinem Beitrag „Warum halte ich ein gutes Gefühl manchmal nur so kurz aus?“ geht es um eine andere Seite desselben Phänomens: Nicht nur unser Leiden, auch der Umgang mit positiven Erfahrungen kann von alten, unbewussten Mustern beeinflusst werden. Es lohnt sich zu verstehen, was dabei in uns geschieht – denn genau dadurch entsteht die Möglichkeit, nicht immer wieder automatisch den vertrauten Weg zu nehmen.