Gute Gefühle – warum sie uns mehr Freiheit schenken können

Positive Erfahrungen können viel mehr bewirken, als uns nur für einen Augenblick ein angenehmes Gefühl zu schenken.

Menschen lernen aus Erfahrungen. Aus guten ebenso wie aus schlechten.

Schlechte Erfahrungen können dazu führen, dass wir vorsichtiger werden, weniger wagen und uns stärker absichern. Wer häufig enttäuscht wurde, wird vielleicht zurückhaltender, wenn es darum geht, anderen zu vertrauen. Wer immer wieder verletzt wurde, versucht möglicherweise, ähnliche Situationen künftig zu vermeiden.

Das ist verständlich und kann durchaus sinnvoll sein. Aber manchmal bezahlen wir dafür einen hohen Preis. Unser Leben wird enger. Wir wagen weniger, lassen weniger Freude zu und verzichten vielleicht sogar auf Dinge, nach denen wir uns eigentlich sehnen.

Wer sich entwickeln, entfalten und mehr Lebensqualität gewinnen möchte, sollte deshalb auch auf das Sammeln guter Erfahrungen setzen.

Warum das so ist werde ich gleich erläutern, doch lassen Sie uns zunächst die Frage klären, ob positive Erfahrungen für jeden dasselbe sind.

Was für den einen schön ist, muss es für den anderen nicht sein

Was ist eigentlich eine gute Erfahrung?

Viele Menschen scheinen zunächst Ähnliches zu wollen. Beispielsweise einen schönen Urlaub. Aber wenn man genauer hinschaut, bedeutet das für jeden etwas anderes.

Der eine möchte ans Meer, der andere in die Berge. Der eine will am Strand liegen und sich endlich einmal nicht mehr bewegen müssen, der andere freut sich auf Schwimmen, Klettern und lange Spaziergänge.

Manche suchen vor allem Ruhe und möchten möglichst niemanden sehen. Andere freuen sich darauf, neue Menschen kennenzulernen und in ein lebendiges Miteinander einzutauchen.

Warum sind unsere Vorstellungen von einem schönen Urlaub so verschieden?

Weil für jeden Menschen andere Erfahrungen besonders angenehm und bedeutsam sind. Das hängt mit unseren persönlichen Eigenschaften, unserer Lebensgeschichte und allem zusammen, was wir bisher erlebt haben.

Und da gibt es noch etwas, das mir im Laufe meiner psychotherapeutischen Arbeit immer deutlicher geworden ist:

Menschen sehnen sich häufig gerade nach solchen Erfahrungen, die ihnen früher besonders gefehlt haben.

Die Sehnsucht nach dem, was immer gefehlt hat

Stellen Sie sich einen Menschen vor, der in seiner Kindheit niemals wirklich in Ruhe gelassen wurde.

Vielleicht musste er immer ansprechbar sein, immer zur Verfügung stehen, auf andere Rücksicht nehmen und deren Erwartungen erfüllen. Er hat früh gelernt, dass seine eigenen Bedürfnisse zurückstehen müssen.

Und weil er es nicht anders kennt, führt er auch als Erwachsener ein entsprechendes Leben. Er kümmert sich um vieles, übernimmt Verantwortung, ist ständig beschäftigt und für andere erreichbar.

Ungestörte Ruhe kommt darin kaum vor.

Wovon träumt dieser Mensch vielleicht schon seit Jahren?

Von einem Urlaub, in dem niemand etwas von ihm will. Von Tagen, an denen er nicht zuständig ist, nichts erledigen muss und endlich einmal ganz bei sich sein darf.

Aber wird er einen solchen Urlaub auch tatsächlich erleben?

Das ist keineswegs sicher.

Vielleicht findet er sich auch im Urlaub wieder in seiner vertrauten Rolle: Er organisiert, kümmert sich, begleitet andere und sorgt dafür, dass es allen gut geht. Und am Ende sehnt er sich erneut nach dem Urlaub, in dem er endlich einmal seine Ruhe hätte.

So kann sich ein alter Mangel über Jahrzehnte fortsetzen, obwohl die Lebensumstände längst andere Möglichkeiten bieten.

Muss das so bleiben?

Nein. Man kann daran etwas ändern.

Allerdings geschieht das häufig nicht von allein. Denn das Vertraute setzt sich gern fort. Was wir über viele Jahre gelernt und eingeübt haben, bestimmt oft ganz selbstverständlich unser Verhalten.

Eine Möglichkeit zur Veränderung besteht darin, gezielt nach Erfahrungen zu suchen, die dem alten Mangel etwas Neues entgegensetzen.

Für den Menschen, der immer verfügbar sein musste, wäre das vielleicht die Erfahrung, einmal ganz ungestört sein zu dürfen. Niemand will etwas von ihm. Er muss nichts leisten, nichts organisieren und keine Verantwortung übernehmen.

Für einen anderen Menschen könnte es etwas ganz anderes sein: dass ihm jemand aufmerksam zuhört, ihn ernst nimmt, sich für ihn interessiert oder ihm von sich aus Unterstützung anbietet.

Welche Erfahrung besonders wichtig ist, lässt sich nicht allgemein festlegen. Sie ist von Mensch zu Mensch verschieden.

In meiner therapeutischen Arbeit habe ich solche individuell passenden positiven Gegenerfahrungen irgendwann einmal als „Schlüssel zur Psyche“ bezeichnet.

Was geschieht, wenn jemand seinen Schlüssel findet?

In meiner Praxis habe ich häufig mit Patienten geübt, für einige Minuten in eine solche ersehnte Erfahrung einzutauchen.

Nehmen wir wieder den Menschen, der sich nach ungestörter Ruhe sehnt.

Vielleicht hat er irgendwann tatsächlich einmal einen Moment erlebt, in dem niemand etwas von ihm wollte. Er war einfach für sich, durfte sich ausruhen und musste an nichts denken, was noch zu erledigen war.

Ich bitte ihn, sich an diesen Moment zu erinnern. Nicht nur daran zu denken, sondern sich möglichst wieder in die Situation hineinzuversetzen und das damalige angenehme Gefühl aufkommen zu lassen.

Wenn das gelingt, kann man manchmal erstaunliche Veränderungen beobachten.

Die Gesichtszüge entspannen sich. Ein leichtes Lächeln entsteht. Auch der Körper scheint zur Ruhe zu kommen. Die Person erlebt einen ungewohnten, aber sehr angenehmen Zustand.

Manchmal habe ich als Begleiter den Eindruck, als würde in meinem Gegenüber plötzlich ein Licht angehen. Der Mensch wirkt lebendiger, offener und irgendwie freier.

Und häufig verändert sich noch etwas anderes: Sein Blick auf sich selbst, auf andere Menschen und auf seine gegenwärtige Lebenssituation wird ein anderer.

Das finde ich besonders interessant.

Plötzlich gibt es andere Möglichkeiten

Wenn wir zuvor über ein aktuelles Problem gesprochen haben, nutze ich diesen veränderten Zustand gern für eine Frage:

„Wenn Sie jetzt auf Ihr Problem schauen – welche Lösung würden Sie im Augenblick bevorzugen?“

Und dann geschieht manchmal etwas Bemerkenswertes.

Was vorher schwierig, ausweglos oder kaum veränderbar erschien, sieht plötzlich anders aus. Andere Möglichkeiten werden erkennbar. Manchmal entstehen Ideen, auf die der Betreffende vorher überhaupt nicht gekommen wäre.

Der Mensch, der sich immer für alles verantwortlich fühlte, kann sich vielleicht zum ersten Mal ernsthaft vorstellen, eine Aufgabe einfach liegen zu lassen. Oder jemand anderem zu überlassen. Und dabei nicht einmal ein schlechtes Gewissen haben zu müssen.

Die äußere Situation hat sich nicht verändert. Die Aufgaben sind noch da. Auch die anderen Menschen sind dieselben geblieben.

Aber der innere Zustand, aus dem heraus die Situation betrachtet wird, ist ein anderer geworden.

Und damit verändern sich möglicherweise auch die wahrgenommenen Handlungsmöglichkeiten.

Genau darin sehe ich einen besonders wertvollen Effekt guter Erfahrungen: Sie können uns einen neuen Freiheitsgrad eröffnen.

Wir müssen nicht mehr ausschließlich aus den vertrauten alten Gefühlen, Erwartungen und Gewohnheiten heraus denken und handeln. Für einen Moment erleben wir, dass es auch anders gehen könnte.

Das bedeutet nicht, dass damit alle Probleme gelöst wären. Aber etwas Neues ist möglich geworden.

Aus einer guten Erfahrung kann eine Gewohnheit werden

Einmal eine solche Erfahrung zu machen, verändert noch kein ganzes Leben.

Aber warum sollte es bei diesem einen Mal bleiben?

Wenn es gelingt, sich an eine individuell besonders wohltuende Erfahrung zu erinnern und das damit verbundene Gefühl erneut aufkommen zu lassen, kann man daraus eine angenehme Übung machen.

Warum nicht jeden Tag ein paar Minuten dafür verwenden?

Vielleicht erinnern Sie sich an eine Situation, in der Sie sich besonders frei, unterstützt, ernst genommen, willkommen oder einfach nur wunderbar ungestört gefühlt haben.

Versuchen Sie, sich nicht nur an die äußeren Umstände zu erinnern. Lassen Sie sich Zeit, auch das damalige Gefühl wiederzufinden. Vielleicht gelingt es Ihnen, für einen Moment ganz darin anzukommen.

Und beobachten Sie anschließend, ob sich etwas verändert hat. Fühlen Sie sich anders? Denken Sie anders? Sehen Sie eine bestimmte Schwierigkeit vielleicht in einem anderen Licht?

Es muss nicht jedes Mal etwas Besonderes geschehen. Und nicht jede Erinnerung lässt sich beliebig wieder zum Leben erwecken.

Aber wenn Sie eine Erfahrung gefunden haben, die Ihnen wirklich guttut, lohnt es sich, ihr regelmäßig etwas Raum zu geben.

Aus meiner therapeutischen Erfahrung heraus halte ich das für einen vielversprechenden Weg, um vertraute innere Zustände durch neue Erfahrungen zu ergänzen und allmählich mehr Handlungsspielraum zu gewinnen.

Der Schlüssel zur Psyche

Ich habe den Begriff „Schlüssel zur Psyche“ gewählt, weil ich immer wieder erlebt habe, wie bedeutsam es sein kann, die ganz persönlich passende positive Gegenerfahrung zu finden.

Nicht irgendein schönes Gefühl, sondern gerade jenes, das dem eigenen, oft lange bestehenden Mangel etwas Neues entgegensetzt.

Für den einen ist es die Erfahrung, endlich einmal nichts leisten zu müssen. Für den anderen, wirklich gehört zu werden. Für einen dritten, Unterstützung zu bekommen, ohne erst darum kämpfen zu müssen.

In mehreren meiner Bücher habe ich beschrieben, wie man solche persönlichen Schlüssel finden und für die eigene seelische Entwicklung nutzen kann.

Der Grundgedanke ist einfach:

Wir müssen uns nicht darauf beschränken, aus unseren schlechten Erfahrungen zu lernen. Wir können auch gezielt solche guten Erfahrungen suchen und vertiefen, die uns etwas Neues über uns selbst und unsere Möglichkeiten zeigen.

Vielleicht schenken wir unserer Psyche damit nicht nur ein paar angenehme Minuten, sondern nach und nach auch ein Stück mehr Freiheit.

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Neue Lösungen für vertraute Probleme – Entdecken Sie Ihren Schlüssel zur Psyche

Warum geraten wir immer wieder in ähnliche Schwierigkeiten, obwohl wir längst wissen, dass wir etwas ändern möchten?

In diesem Buch beschreibe ich meinen Ansatz des „Schlüssels zur Psyche“: Wie Sie herausfinden können, welche positiven Erfahrungen für Sie persönlich besonders wichtig sind, und wie Sie diese nutzen können, um vertraute Probleme auf neue Weise anzugehen.

Wie sich dieser Ansatz auf besondere Lebensbereiche übertragen lässt, zeige ich außerdem in meinen Büchern: Ein Paar sein und bleiben! Teil 2 sowie in Abnehmen – Mit dem Schlüssel zur Psyche.

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