Warum halte ich ein gutes Gefühl manchmal nur so kurz aus?

Das ist eine Frage, die sich die meisten Menschen vermutlich überhaupt nicht stellen. Nur wenigen fällt auf, dass sie guten Gefühlen möglicherweise viel weniger Raum geben, als sie selbst glauben.

Die meisten von uns sind überzeugt: Wenn etwas Schönes geschieht, dann genießen wir es auch. Wenn wir uns wohlfühlen könnten, dann tun wir das. Und wenn es uns nicht gut geht, dann liegt es eben daran, dass die Bedingungen dafür gerade nicht stimmen.

Ich bin mir da inzwischen nicht mehr so sicher.

Schon vor vielen Jahren habe ich mit Patienten in meiner Praxis kleine Experimente gemacht. Ich bat sie, sich an eine schöne Situation zu erinnern, sich dieser Erinnerung nicht nur gedanklich, sondern auch gefühlsmäßig zu nähern – und das dabei entstehende gute Gefühl eine Weile zu genießen.

Dabei wiederholten sich einige Beobachtungen auffallend häufig.

Manche mussten sich zunächst regelrecht überwinden, überhaupt bei einer guten Erinnerung zu bleiben. Viel leichter fiel es ihnen, mir davon zu erzählen, was nicht gut gelaufen war oder wie sehr sie sich nach etwas Schönem sehnten.

Auch das Erinnern selbst war häufig schwieriger als erwartet. Belastende Erfahrungen waren sofort greifbar. Für eine konkrete gute Erfahrung musste dagegen manchmal erstaunlich lange gesucht werden.

Am interessantesten fand ich jedoch etwas anderes:

Wenn schließlich ein gutes Gefühl auftauchte, war es manchmal nach kürzester Zeit schon wieder verschwunden.

Und häufig bemerkte die betreffende Person das nicht einmal.

Plötzlich war da ein Gedanke. Eine andere Erinnerung. Etwas musste noch erledigt werden. Man wurde unruhig. Man begann zu reden. Irgendetwas hatte die Aufmerksamkeit bereits wieder von dem guten Erleben weggeführt – und dieser Wechsel erschien vollkommen selbstverständlich.

Genau das begann mich zu interessieren.

Vielleicht können wir uns gar nicht so selbstverständlich gut fühlen, wie wir glauben

Wir gehen gewöhnlich davon aus, dass wir es uns gut gehen lassen könnten, wenn nur die Bedingungen dafür gut genug wären.

Meine therapeutische Erfahrung hat mich daran zweifeln lassen.

Vielleicht ist die Fähigkeit, eine positive Erfahrung wirklich aufzunehmen, für manche Menschen keineswegs selbstverständlich. Vielleicht muss sie teilweise erst gelernt und geübt werden – fast wie eine Fremdsprache.

Ich habe das mit Patienten manchmal anhand einer einfachen Skala untersucht.

Null bedeutet: Von dem guten Gefühl ist nichts spürbar.

Zehn bedeutet: Ich lasse dieses gute Gefühl im Augenblick so weit an mich heran, wie es mir überhaupt möglich ist.

Dabei hatte ich immer wieder den Eindruck, dass Menschen selbst in ausgesprochen guten Situationen vielleicht bei einer Zwei ankamen – gleichzeitig aber überzeugt waren, das Schöne bereits vollständig erlebt und ausgekostet zu haben.

Diese Skala ist natürlich kein objektives Messinstrument. Sie sollte etwas sichtbar machen, das wir im Alltag kaum beachten.

Denn der Unterschied zwischen Zwei und Sechs besteht nach meiner Erfahrung nicht einfach darin, dass Sechs „dreimal so schön“ ist.

Es kann ein qualitativer Unterschied sein.

Bei einer Zwei weiß ich vielleicht: Dieser Mensch hört mir zu. Er interessiert sich für mich. Das ist angenehm.

Aber es erreicht mich noch nicht wirklich.

Bei einer Fünf oder Sechs kann aus diesem Wissen eine Erfahrung werden: Da ist tatsächlich jemand, der mich sieht. Und ich lasse mich davon berühren.

Das ist nicht nur ein Gedanke. Der Körper reagiert mit. Etwas wird ruhiger, weiter oder weicher. Für einen Moment wird eine andere Wirklichkeit nicht nur verstanden, sondern erlebt.

Und genau darin liegt für mich der entscheidende Punkt.

Verstehen allein verändert noch nicht genug

Wir können sehr viel über uns verstehen.

Wir können erkennen, warum wir uns nach Nähe sehnen. Wir können unsere Kindheit analysieren, Zusammenhänge entdecken und verstehen, warum wir in bestimmten Situationen immer wieder auf dieselbe Weise reagieren.

Das alles kann notwendig sein. Es kann uns überhaupt erst ermöglichen, eine neue Erfahrung zu erkennen und uns ihr bewusst zuzuwenden.

Aber ich glaube nicht, dass psychische Veränderung allein durch dieses Verstehen geschieht.

Eine andere Erfahrung muss uns erreichen.

Wir müssen uns von ihr berühren lassen können.

Wenn ein Mensch in seiner Kindheit immer wieder erfahren hat: Ich bin nicht wichtig. Niemand interessiert sich wirklich für mich, dann reicht es nicht unbedingt, wenn er als Erwachsener versteht, dass diese Überzeugung aus seiner Kindheit stammt.

Er braucht auch Erfahrungen, die ihr widersprechen.

Und noch wichtiger: Er muss diese widersprechende Erfahrung aufnehmen können.

Genau hier beginnt das Problem.

Ausgerechnet das, wonach wir uns am meisten sehnen

Nehmen wir jemanden, der sich sein Leben lang danach gesehnt hat, dass ihm ein anderer Mensch wirklich interessiert und mit offenem Herzen zuhört.

Nun geschieht genau das.

Eigentlich müsste dieser Moment besonders wohltuend sein.

Und doch kann gerade jetzt etwas Merkwürdiges passieren: Die Person wird unruhig. Ein ablenkender Gedanke taucht auf. Sie wechselt das Thema. Plötzlich gibt es etwas Dringendes zu erledigen. Vielleicht treten sogar körperliche Beschwerden auf.

Das bedeutet natürlich nicht, dass jedes Kopfweh und jede Unruhe eine psychische Abwehr eines guten Gefühls ist.

Interessant wird es dort, wo sich bei derselben Person immer wieder dieselbe Abfolge gerade dann zeigt, wenn eine bestimmte positive Erfahrung intensiver zu werden beginnt.

In meiner Arbeit entstand daraus die Vorstellung eines unbewussten Schutzsystems.

Es schützt nicht nur vor schlechten Erfahrungen. Es kann auch gegenüber guten Erfahrungen aktiv werden – nämlich dann, wenn diese einer tief eingeprägten alten Erfahrung widersprechen oder uns auf eine Weise öffnen und berühren würden, die früher nicht sicher war.

Dann wäre das scheinbar Unsinnige plötzlich verständlicher.

Die Psyche versucht nicht, uns das Leben zu verderben. Sie schützt eine alte innere Ordnung.

Man kann die Unterbrechung kennenlernen

Das Erfreuliche ist: Solche Abläufe sind nicht unbedingt beliebig.

Bei einzelnen Patienten zeigte sich eine erstaunlich wiederkehrende persönliche Reihenfolge.

Vielleicht kommt zuerst ein ablenkender Gedanke. Danach entsteht Unruhe. Dann der Impuls aufzustehen oder den Ort zu verlassen. Bei einem anderen Menschen sieht die Kette ganz anders aus.

Deshalb lohnt sich eine ungewöhnliche Frage:

Was geschieht eigentlich in mir unmittelbar nachdem etwas wirklich Gutes spürbar geworden ist?

Bleibe ich dabei? Kann ich mich davon berühren lassen? Oder geschieht nach wenigen Sekunden etwas, das mich wieder davon wegführt?

Wenn ich meine persönliche Art der Unterbrechung kennenlerne, entsteht eine neue Möglichkeit. Ich muss ihr nicht mehr vollkommen automatisch folgen.

Vielleicht kann ich bei der guten Erfahrung bleiben.

Nicht um sie künstlich größer zu machen. Nicht um mir einzureden, dass alles schön sei.

Sondern um zuzulassen, dass eine tatsächlich vorhandene gute Erfahrung ihre Wirkung entfalten kann.

Gute Erfahrungen sind nicht nur eine angenehme Zugabe

Hier möchte ich meine Position bewusst deutlich formulieren.

Ich bin überzeugt, dass es keine tiefgreifende psychische Veränderung gibt, ohne dass ein Mensch neue positive Erfahrungen wirklich aufnehmen kann.

Verstehen, Einordnen und Umdenken können dafür wichtige Voraussetzungen sein. Sie können helfen, alte Muster zu erkennen und sich einer neuen Erfahrung überhaupt zuzuwenden.

Aber sie ersetzen die Erfahrung nicht.

Eine Zwei auf meiner Skala bewirkt nicht dasselbe wie eine Fünf, Sechs oder vielleicht sogar Zehn.

Denn irgendwann geschieht etwas, das sich mit „mehr Wohlgefühl“ nur unzureichend beschreiben lässt.

Man wird berührt.

Man versteht eine andere Möglichkeit nicht mehr nur mit dem Kopf. Man erlebt sie emotional und körperlich.

Ich kann sicher sein.

Ich darf wichtig sein.

Jemand kann mir nahe sein, ohne dass ich mich schützen muss.

Ich kann mich entspannen, ohne die Kontrolle zu verlieren.

Für einen Moment wird eine andere Realität erfahrbar.

Meine vielleicht provokante These lautet deshalb weiterhin: Die Fähigkeit, gute Erfahrungen wirklich an uns heranzulassen, gehört nicht an den Rand psychischer Veränderung. Sie steht in ihrem Zentrum.

Vielleicht brauchen wir deshalb neben der vertrauten Frage

„Warum geht es mir schlecht?“

noch eine zweite:

„Was geschieht eigentlich in mir, wenn es mir gerade wirklich gutgehen könnte?“

Mit der Frage, warum gerade ersehnte positive Erfahrungen so schwer aufzunehmen sein können und was unsere frühen Lebenserfahrungen damit zu tun haben, beschäftige ich mich ausführlicher in meinem Buch „Die Lasten der Kindheit hinter sich lassen“.

Die Lasten der Kindheit hinter sich lassen
Warum können Erfahrungen aus der Kindheit unser heutiges Erleben noch bestimmen – und warum fällt es manchmal gerade so schwer, neue gute Erfahrungen wirklich aufzunehmen?

Das Buch ist als Taschenbuch und E-Book erhältlich. Die Printausgabe kann direkt bei BoD portofrei bestellt werden.

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