Alles Theater!

 

Wozu gibt es überhaupt ein Bewusstsein?

Das Bewusstsein ist zwar sehr viel schneller als das Unbewusste, kann aber nur winzige Datenmengen und immer nur einen Prozess verarbeiten, kann also kein Multitasking. Das Unbewusste ist langsamer, arbeitet viele Prozesse parallel ab und erreicht dadurch eine viel höhere Verarbeitungsgeschwindigkeit. Ohne die Arbeit des Unbewussten, könnten wir nicht überleben, vermutlich aber ohne das Bewusstsein. Wofür haben wir es überhaupt? Da sich in der Natur nur das durchsetzt bzw. erhalten bleibt, was auch einen Sinn macht, muss man dies auch dem Bewusstsein unterstellen, aber welchem Zweck dient es?

Eine interessante These stellt B. J. Baars, in seinem Buch „Das Schauspiel des Denkens“, aus dem Jahr 1998 vor. Er schreibt:

„Die engen Grenzen des Bewusstseins bieten einen ausgleichenden Vorteil: Das Bewusstsein scheint wie ein Tor zu funktionieren, das Zugang zu jedem Teil des Nervensystems bildet. Sogar einzelne Neurone können durch bewusstes Feedback kontrolliert werden. Bewusste Erfahrungen schaffen Zugang zum mentalen Lexikon, dem autobiographischen Gedächtnis und der willentlichen Kontrolle über automatisierte Handlungsroutinen.“(Bernard Baars: In the Theater of Consciousness, Journal of Consciousness Studies, 4, No. 4, 1997, pp. 292-309, Übersetzung von Wikipedia, http://de.wikipedia.org/wiki/Bernard_Baars).

Die Psychotherapie nutzt diese Möglichkeit des Bewusstseins, um auf bestimmte Geschehnisse im eigenen Kopf zugreifen zu können. Eine Person kann sagen, „Ich habe Angst“ oder kann sich an ihre Angst erinnern. Mit entsprechendem Training kann auf diese Angst eingewirkt werden. Die Fähigkeit, die Baar in seinem Global Workspace Model beschreibt, wird daher von anderen Experten auch als Zugangsbewusstsein umschrieben. (Davon wird das phänomenale Bewusstsein unterschieden, das für den Erlebnisgehalt des Bewusstseins steht, etwa das subjektive Erleben von Angst.)

Baar hat unser Gehirn auch mit einem Theater verglichen. Während im Saal Dunkelheit herrscht und die dort sitzenden unbewussten Programme und Prozesse nicht oder nur eingeschränkt miteinander interagieren, ist die Bühne, auf der das Bewusstsein agiert, hell beleuchtet und von allen im Saal deutlich sichtbar. Der Theater-Schauspieler (das Bewusstsein) kann mit jedem Zuschauer im Saal interagieren. Durch seine Handlung können ansonsten unverbundene unbewusste Programme miteinander koordiniert werden. Sie bekommen dadurch einen Dirigenten bzw. eine übergreifende Ausrichtung für anstehende Aktionen.

Alles Geschehen in der eigenen Umgebung wird zunächst unbewusst erfasst und überprüft, ob eine Reaktion notwendig ist. Ist dies der Fall, wird zum Beispiel eine Angst auf die bewusste Bühne gehoben, die dafür sorgt, dass alle verfügbaren Ressourcen zur Bewältigung der Situation verwendet werden. Alles was im Moment nicht für die Sicherung der eigenen Person notwendig ist, wird heruntergefahren und alles was für eine angemessene Reaktion notwendig ist, hochgefahren. Ein Ich ist präsent und dieses Ich hat jetzt Angst.

Die Angst auf der Bühne kann auch kritisch betrachtet werden. Vielleicht, weil nebenbei oder rückblickend wahrgenommen wird, dass alle anderen Menschen in der Umgebung auf dieselbe Situation ohne Angst reagieren. Vielleicht weil es Erinnerungen daran gibt, dass man früher noch ohne Angst war.
Die Angst kann erneut auf die Bühne des Bewusstseins gestellt werden, diesmal mit der Frage an das innere Plenum, ob es nicht weniger leidvolle Lösungen gibt. Sollte dies keinen Ertrag bringen, könnte zum Beispiel auch der Gedanke entstehen, sich psychotherapeutische Hilfe zu suchen. Dort könnten dann neue Möglichkeiten geschaffen werden, das Angstprogramm zu hemmen und andere Reaktionen zu gestalten.

Jetzt darf man aber nicht in den Irrtum verfallen, den Schauspieler bzw. das Bewusstsein als Regisseur des Ganzen zu sehen. Die Impulse, die den Schauspieler agieren lassen, kommen aus dem Zuschauerraum, also aus dem Unbewussten.

Dies betrifft jegliches Handeln, Denken und Erleben. Auch wenn sich ein Mensch entschließt, eine komplizierte mathematische Formel zu lösen, stehen dahinter unbewusste Prozesse, die den Entschluss, die Aufmerksamkeit jetzt auf die mathematische Formel zu richten, vorbereiteten. Innerhalb der Lebenswirklichkeit der Person gibt es Prozesse für die es sinnvoll, notwendig und/oder angemessen scheint, den Fokus auf die Lösung der Aufgabe zu richten. Das Bewusstsein wird eingeschaltet, um alle dafür notwendigen Fähigkeiten zu bündeln. Bei einer einfachen Rechenaufgabe, hätte das Unbewusste das Ergebnis ohne Umwege im Hintergrund errechnet. Ist die Aufgabe komplizierter oder geschieht etwas zum ersten Mal, begibt man sich in den Theatersaal – um bei dem obigen Bild zu bleiben – und nutzt einen Leih-Schauspieler um die notwendige Kooperation zu gewährleisten.

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Das Foto „theater-prag-tschechische-republik-592145“ stammt aus der kostenlosen Bilddatenbank pixabay.com. Vielen Dank an den Fotografen IgnacioPinheiro.

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