Na das ist ja primer!

Menschen sind vor allem soziale Wesen. Auch wenn es manchmal  nicht so scheint, sind sie in der Tiefe ihres Seins aufeinander bezogen und passen sich blitzschnell und meist unbewusst an ihre jeweilige Umgebung an.

Dass Gähnen ansteckend sein kann, ist den meisten vertraut. Dies ist ein gutes Beispiel für eine unbewusste Anpassung. Gähnt einer, gähnen andere solidarisch mit.

Schon vor vielen Jahren wurde bei Mutter-Kind Experimenten festgestellt, dass Brei fütternde Mütter oft mit offenem Mund dabei sind. Genauere Betrachtungen brachten hervor, dass sie dies nicht taten, um ihrem Kind beizubringen, dass dieses den Mund öffnen muss, sondern dass sie vielmehr den offenen Mund des Kindes kopierten.

Unbewusste Imitation findet beständig statt. Menschen imitieren spontan den Gesichtsausdruck anderer Menschen, genauso wie die Körperhaltung, wie Gesten oder auch sprachliche Eigenheiten, wie Wortwahl, Tonhöhe oder die Pausenlänge zwischen den Sätzen. Interessant ist, dass diese Anpassung auch bei sprachlichen Zuweisungen funktioniert. Wird ein Mensch wiederholt als dumm bezeichnet, verhält er sich auch so. Dies funktioniert zum Glück genauso mit positiven Eigenschaften. Ein Mensch leistet mehr, wenn seine Leistungsfähigkeit benannt wird.

Wie in zahlreichen Experimenten erprobt, geschieht diese Anpassung auch schon, wenn Menschen einen Artikel lesen, in dem sie mit bestimmten Eigenschaften konfrontiert werden. Geht es zum Beispiel um Begriffe, die man mit alten Menschen assoziiert, wie Gebrechlichkeit, langsame Bewegung, graue Haare, Falten etc., dann bewegen sich die Probanden danach messbar langsamer als Vergleichspersonen, die andere Texte vor sich hatten. Ganz gleich ob ein Mensch einer alten Person begegnet oder nur darüber liest, er passt sich sofort an, verlangsamt seine Bewegung, spricht vielleicht lauter und denkt langsamer.
Die Testpersonen wollten das auch nicht glauben und haben die Tests wiederholt, allerdings mit dem gleichen Ergebnis.

Dieses Aktivieren von bestimmten Eigenschaften in einer Person nennt man Priming. Lässt man eine Person eine Liste von Wörtern lesen, die etwas mit Aggressivität zu tun hat, erleben diese ihr Gegenüber aggressiver. Lesen sie etwas über Unfreundlichkeit, werden sie auch unfreundlicher. Handelt der Lesestoff von Leistung, Engagement und Anstrengung, gehen die Probanden nachher deutlich leistungsorientierter an Folgeaufgaben.

Es werden unbewusste Verhaltensmuster aktiviert und sofort gezeigt.
Diese Anpassung an die Umgebung lohnt sich offenbar für uns Menschen. Wir reagieren positiv auf andere, die sich an uns anpassen, unsere Gestik imitieren oder den Gesichtsausdruck. Versuche zeigten, dass Kellnerinnen doppelt so viel Trinkgeld bekamen, wenn sie die Gäste imitierten, in dem sie die Bestellung wortwörtlich wiederholten. Menschen sind einander sympathischer, wenn sie sich aneinander angleichen.

Interessant ist die Frage danach, worauf ein Mensch geprimt wird, wenn er die Blutseite der Tageszeitung liest. Sicher erzeugt die Konfrontation mit einer Welt voller Gefahren kaum ein positives Gefühl. Viel wahrscheinlicher ist, dass man eher ängstlich wird und sich unsicherer fühlt.
Vielleicht steckt hier auch eine Erklärung dafür, warum sich so viele Menschen gerne von Werbung berieseln lassen. Weil die gutaussehenden, erfolgreichen und zufriedenen Schauspieler auf einen selbst abfärben und man sich dadurch ein bisschen gutaussehender, erfolgreicher und zufriedener fühlt?

Das alles wirft ein deutliches Licht auf den Stellenwert des Bewusstseins. Die blitzschnelle Anpassung an die Umgebung geschieht vollkommen unterschwellig und in manchen Fällen vermutlich auch gegen den eigenen bewussten Willen (was ist das eigentlich?). Das Bewusstsein hat lediglich die Rolle eines Zuschauers. Das Unbewusste gibt die Richtung vor und steuert das Verhalten, das Bewusstsein wird manchmal darüber informiert.

Die Untersuchungen habe ich aus dem Buch von Ap Dijksterhuis, Das kluge Unbewusste, Denken mit Gefühl und Intuition, Klett-Kotta, 2007

Das Bild “chameleon-101106_640.jpg” stammt von der kostenlosen Bilddatenbank pixabay.com. Vielen Dank an die Fotografin Katja.

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