Die Vergangenheit in der Gegenwart bewältigen

„Carpe diem“, nutze den Tag, ist ein Appell daran, sich nicht über Vergangenheit zu beklagen oder auf eine andere Zukunft zu hoffen, sondern den Augenblick zu nutzen. Das Jetzt zu nutzen, weil es der einzige Zugriffspunkt auf das eigene Schicksal ist. Die Vergangenheit kann nicht geändert werden und auch die Zukunft bietet keinen Handlungsspielraum. Die Frage ist, was kann ich jetzt tun, wenn ich unter meiner Vergangenheit leide und meine Zukunft vielleicht genau so sein wird…wenn ich nichts verändere.

Man kann die Vergangenheit nicht einfach beiseiteschieben. Probleme der Gegenwart sind in der Vergangenheit begründet und deshalb darf diese nicht verdrängt, sondern muss verarbeitet werden. Da wir die Vergangenheit selber nicht ändern können, sondern nur ihre Folgen, sind wir schon wieder in der Gegenwart, in der wir diese Folgen merken. Vergangenheit verarbeiten findet also in der Gegenwart statt und hat dabei die Gegenwartsprobleme im Focus. So gesehen ist Vergangenheitsbewältigung etwas sehr konstruktives und zeigt unmittelbar im Jetzt Ergebnisse.

Also müssen wir uns nur um unsere Gegenwartsprobleme kümmern? Tun wir das nicht sowieso schon? Was ist der Unterschied? Der besteht darin, dass wir unsere Gegenwartsprobleme als eine Folge unserer eigenen Geschichte verstehen müssen. Vielen ist dies nicht ansatzweise klar. Sie verstehen ihre Probleme als Pech, Schicksal, Gott gegeben oder „so ist es eben“ und sehen keinen Zusammenhang zur eigenen Person.

Das ist mit unserer Vorstellung von der Welt zu erklären. Wir gehen davon aus, dass diese Welt so ist, wie sie ist und dass unsere Wahrnehmung uns einen Ausschnitt von dieser „Wahrheit“ vermittelt.

Tatsächlich ist die uns als objektiv erscheinende Wirklichkeit  in „ Wahrheit von uns selbst erzeugt; wir können die Welt nicht einfach auf direktem Weg bewusst erleben. Sie wird von unserem Gehirn zuerst in neuronale Elementarereignisse zerlegt und dann neu zusammengesetzt. Das so entstandene, extrem verkürzte Bild von der Wirklichkeit ist notwendig, denn ohne es wären wir gar nicht handlungsfähig. Um so schnell zu reagieren, wie das Leben es verlangt, müssen wir – das hat uns die Evolution gelehrt – auf Genauigkeit verzichten. Unsere Blindheit für Details ist also ungemein nützlich“, sagt Udo Boessmann, in einer Zusammenfassung seines Buches Bewusstsein – Unbewusstes. Das im Hirn zusammengesetzte Bild lehnt sich an bereits gemachte Erfahrungen an. Auch dies dient der Vereinfachung. Es kann aber auch zu viel Leid führen, wenn beim Erzeugen der eigenen Wirklichkeitsillusionen Negativerfahrungen der eigenen Geschichte als Vorlage dienen. Doppelt belastend wird das Ganze, wenn das Produkt als die wirkliche Wirklichkeit verstanden wird.

Wer die Eigenbeteiligung nicht kennt, kann die Begebenheiten dann nur als Pech oder Schicksal verstehen und wird damit zum Spielball des Geschehens im eigenen Kopf. Denn wird es nicht unterbrochen, wird es sich immer wiederholen. Mancher merkt mit Glück nach der dritten Beziehung mit ähnlichen Problemen, dass es etwas mit der eigenen Person zu tun hat und nicht einfach nur Pech bei der Partnerwahl war.

Da die Vergangenheit nicht zu ändern ist, muss man in der Gegenwart Erfahrungen suchen, die das bringen, was damals fehlte. Fehlten damals Erfahrungen von Verlässlichkeit, geht es darum diese Qualität in das gegenwärtige Leben zu bringen. Dies ist nicht immer einfach, weil man ja darin geübt ist ohne verlässliche Umgebung zu leben. Das andere muss erst geübt und gelernt werden, aber mit ein bisschen Entschlossenheit ist das machbar. Man fängt zum Beispiel damit an, diesen Gedanken immer wie ein Mantra zu sprechen: Ab heute lerne ich Verlässlichkeit zu entdecken und sie, da wo ich sie finde, auch anzunehmen und zu genießen. Es geht also um bewusstes entdecken und wahrnehmen von Beziehungen auf die man sich vielleicht schon immer verlassen konnte. Darum wahrzunehmen wo sich im eigenen Leben Menschen, Umstände und Bedingungen finden, die Kontinuität bieten. Die dann da sind wenn man sie braucht, denen man also vertrauen kann. Jetzt muss man nur noch eine Weile dranbleiben. Das was die eigenen Eltern nicht geben konnten, wird zur eigenen Aufgabe des Erwachsenen. Fehlt Verlassenheit, dann hilft es auch, sich selbst ein verlässlicher Begleiter zu sein – so etwas wie  ein guter Vater oder Mutter. Also für sich zu sorgen, Verantwortung für sich selbst zu übernehmen und sich zu lieben, egal wie man gerade drauf ist.

Es braucht ein bisschen Zeit dem eigenen Unbewussten etwas Neues beizubringen. Hier geht es nicht nur um Stunden oder Tage, sondern eher um Wochen oder Monate. Manche brauchen für so ein Vorhaben einen Therapeuten, aber viele könnten es auch allein oder mit Hilfe von Freunden, Bekannten oder Selbsthilfezirkeln schaffen, diesen Schritt zu gehen.

Erwachsene mit Kindern haben hier einen Vorteil. Denn oft geben sie diesen das, was Ihnen selber fehlte. Damit ist diese Qualität schon in ihrem Leben, sie müssen sie nur auch auf sich selbst erweitern. Denn wenn ich meinem Kind verlässliche Liebe gebe, bin ich selber bereits ein Teil dieses Netzwerkes von Verlässlichkeit. Ich muss es mir nur bewusst machen und kann dann sofort ebenfalls davon profitieren. Einzige Hürde: ich muss es mir auch selber wert sein. Aber auch das kann man lernen.

Das obenstehende Foto ist aus http://pixabay.com/de/termin-uhr-countdown-frist-15979/ Vielen Dank an den Fotografen

Psychotherapeuten – Die Helfer vergessen sich selbst

18.04.15
Ich war in dieser Woche auf einer Psychotherapietagung im schönen Lindau am Bodensee und habe dort Informationen über uns Psychotherapeuten gehört, die mir zwar neu waren, mich aber nicht wirklich erstaunten.

Weil Psychotherapie von Erfahrung lebt, arbeiten viele Psychotherapeuten länger als bis zum 65. Lebensjahr. Auffällig ist, dass alte Psychotherapeuten in der Statistik deutlich kranker sind als die Durchschnitts-Bevölkerung. Dies betrifft das ganze Spektrum von Krankheiten, einschließlich seelischer Erkrankungen. Psychotherapeuten bringen also Anderen bei, ein gutes Leben zu führen, versagen aber dabei, dies auch für sich selbst zu realisieren. Über die Hintergründe hörte ich verschiedene Vermutungen.

Eine Annahme war, dass Psychotherapeuten zu viel arbeiten, weil sie für ihre Arbeit zu wenig Geld bekommen. Ich kann dieses Argument nicht gelten lassen, weil wir unseren Patienten beibringen, dass man auch mit weniger ein gutes Leben führen kann, wenn man weiß wie es geht. Ein anderer Grund könnte sein, dass viele Therapeuten ihren Beruf gewählt haben, weil sie neben dem Wunsch anderen zu helfen auch für eigene Lebenslasten Lösungen suchten. Für mich selbst trifft das sicher zu. In ihrer Ausbildung haben sie dann gelernt wie man seelische Not lindert, aber vergessen, das alles auch für die eigene Person zu verwenden.

Ich halte Psychotherapie für ein großartiges Instrument zur Veränderung. Die meisten Psychotherapeuten können damit sehr geübt umgehen. Aber aus irgendeinem Grund verwenden sie es nicht für die eigene Person. Woran liegt das?

In einem Vortrag am letzten Tage des Kongresses äußerte ein hochrangiger Psychotherapie-Wissenschaftler und -Praktiker (Privatdozent Dr. med. Wolfgang Wöller), dass Psychotherapeuten sich mehr vor Augen halten sollten, dass das eigene Unbewusste bestimmt, wie das Leben läuft. Erstaunlich, dass man dies langjährig praktizierenden Fachleuten für die menschliche Psyche überhaupt sagen muss. Aber offenbar ist die Tragweite dieses Wissens noch nicht mal bei den Profis angekommen, die sich tagtäglich damit auseinandersetzen.

Ich nehme dies als Beleg dafür, wie penetrant unbewusstes das Leben dominiert.

Es lief ungefähr so: Der -statistisch gemittelte- Psychotherapeut hat schon als Kind gelernt, anderen mehr zu geben als sich selbst und hinsichtlich Gesundheit, Glück und Lebenszufriedenheit weniger nehmen zu dürfen. Und weil er sich nie bewusst machte, wie ihn diese „Lebensweisheit“ bestimmt, hat er auch nie was dagegen unternommen… oder das was er unternommen hat, war nicht wirkungsvoll, weil er seinen „Gegner“ falsch einschätzte.

Wer glaubt, mit ein paar klugen Gedanken alles zu richten, ist auf dem Holzweg. Unbewusste Strukturen zu beeinflussen, braucht wiederholte, gefühlvolle, neue Lebenserfahrungen und angemessen Zeit für die innere Neuausrichtung.

Ostern – jede Menge Zeit zu streiten…

Na, zu Ostern wieder in die Haare gekriegt?

Statistisch ist es mit den Streitereien ähnlich wie an anderen hohen Feiertagen. Viele Paare geraten aneinander. Warum ist das so?

Weil die Erwartungen nach Harmonie und einem guten Miteinander an den Feiertagen besonders hoch sind. Viele wollen in der kleinen Auszeit etwas von dem bekommen, was im Alltag fehlt oder zu wenig da ist. Leicht zu erklären mit stressigen Arbeitstagen, vollgestopftem Alltag und gehetztem aneinander vorbei sprinten.

Wenn beide Seiten aber so hohe Erwartungen haben, wieso gelingt es dann nicht? Vielleicht weil beide etwas Anderes erwarten? Aber so verschieden kann es doch gar nicht sein, Frieden und Harmonie wollen doch alle? Aber im Detail ist es eben doch verschieden, wenn sie einen Osterspaziergang machen möchte und er unter Frieden und Harmonie versteht, sich ganz friedlich in seiner Werkstatt zurückzuziehen und ganz harmonisch das Motorrad zu reparieren. Aber auch in so einem Fall könnte man sich doch einigen, vielleicht ein Nacheinander installieren? Wieso finden so viele keine Lösung?

Ich würde das Thema nicht an dieser Stelle, in diesem Blog erwähnen, wenn das Problem nicht etwas mit dem Unbewussten zu tun hätte. Denn das, was letztlich zum Streit führt, sind nicht die bewussten (formuliert oder gedacht) Erwartungen, sondern unbewusste Themen. Solche, die beide schon aus ihrer Kindheit mitbringen. Diese Themen haben etwas mit Umständen und Bedingungen zu tun, die in der Kindheit schwierig waren. Wo etwas zu viel, zu wenig oder unstimmig war und deshalb Spuren übrig blieben. Themen haben sich herauskristallisiert, welche das Kind und den daraus werdenden Erwachsenen seither begleiten.

Es ist nicht unbedingt notwendig, dass Sie, werter Leser, jetzt in ihre Geschichte zurückschauen. Natürlich kann es helfen, wenn Sie diese kennen und die sich daraus ergebenden Themen Ihnen schon vertraut sind. Aber dieser Blick zurück ist für eine Klärung nicht notwendig. Denn ein aus der eigenen Kindheit mitgebrachtes Thema – ich nenne es gerne Lebensthema – ist in der Gegenwart präsent. In jedem Streit, in jedem Problem ist es sichtbar. Sie brauchen also nur auf das zu hören was Sie selber sagen oder schreien und was Sie dabei erleben. Oder wenn Sie das Lebensthema Ihres Partners wissen wollen, hören und schauen Sie ihm zu.

Nehmen wir ein Beispiel:

Wenn sie zum Beispiel darüber klagt, dass er sie in ihrem Wunsch nach einem Osterspaziergang nicht ernst nimmt, ist das Thema dahinter – ganz einfach – das ernst genommen werden. Weitere Äußerungen geben noch mehr Klärung. Sagt sie zum Beispiel: „Nie nimmst du mich ernst“, dann berichtet sie von der Not, dass sie in ihrem Bemühen immer wieder scheitert. Hier taucht eine Vergeblichkeit auf, eine Sehnsucht danach, dass es endlich einmal anders ist. Die findet sich auch in: „nimm mich doch endlich mal ernst, nimm nicht immer nur deine Dinge wichtig, sieh mich doch auch einmal…“

Wer sich hier schon wieder erkennt, ist ein Stückchen weiter im Verständnis der eigenen Person. Das Lebensthema ernst genommen zu werden teilen viele Menschen und trotzdem brauchen alle etwas Anderes. Ich sage das, weil man hier sehr genau sein muss. Der erste Schritt – eine Ahnung vom Lebensthema zu bekommen – ist nur ein Teil der Lösung. Hört man hier auf, hat man nichts gewonnen.

Der zweite Schritt besteht darin, eine positive Antwort auf das Lebensthema zu finden.

Hätte ich diese Frau in meiner Praxis, würde ich sie fragen, wie es sich anfühlt, wenn sie ernst genommen wird. Dabei ist es gleich, ob es ihr Mann ist, der das manchmal kann oder jemand anderes. Vielleicht kommen dann Berichte aus ganz anderen Umständen, mit anderen Menschen, aus dem Sport, Begegnungen mit Freunden, in der Freizeit oder der Arbeit. Sie soll sich erinnern, wie es sich anfühlt und damit bekommt das Begriff ernst genommen werden eine weitere Dimension. Jetzt werden die Worte vertieft durch das Erleben und die Gefühle. Viele teilen sich dieselben Worte für ihr Lebensthema. Wird dies aber mit dem Erleben verbunden, entsteht für jeden etwas Einmaliges. Diese einmalige Kombination bezeichne ich gerne als: den Schlüssel zum eigenen Unbewussten. Wenn sich unsere Beispielfrau in dieses Schlüsselerleben hinein begibt, erfährt sie Beruhigung und bekommt innerlich die Freiheit, ihre ehelichen Probleme weniger massiv zu erleben und sie vielleicht anders anzugehen. In der Psychotherapie bewirken ähnliche Prozesse Heilung.

Jetzt könnte man einwenden, dass diese erinnerten Situationen doch mit der Beziehung nichts zu tun haben. Unsere Frau könnte klagen: „Auch wenn ich das mit anderen erlebe, kriege ich es immer noch nicht von meinem Mann“.

An dieser Stelle gibt es einen wichtigen Punkt, der im Zusammenhang mit allen ehelichen Problemen und Streitereien unbedingt beachtet werden muss:

Für die Befriedigung der Erwartungen (Lebensthema), die beide Partner aus ihrer Kindheit mitbringen, ist nicht der Partner zuständig.

Dessen vermeintliches Versagen scheint die Ursache von Enttäuschungen und Stress zu sein, ist es aber nicht. Für die Frau in unserem Beispiel heißt die Aufgabe, zunächst selber zu lernen, das ernst Genommen zu werden in ihr Leben zu holen. Sie ist diejenige, die es noch nicht kann. Zwar schon mit Freunden, aber eben noch nicht mit einem Partner bzw. noch nicht in den Situationen, die ihr selber wichtig sind.

Mal angenommen sie lernt, ernst genommen zu werden, dann wird es faszinierend zu beobachten, wie ihr Partner ganz von alleine andere Seiten zeigt.

Nur die Partner, die es dann immer noch nicht können, muss man sich zur Brust nehmen bzw. darüber nachdenken, sich vielleicht zu verändern.

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Zu kompakt? In meinem Buch Streitpaare steht dies und viel mehr auf als 200 Seiten. www.streitpaare.de Wer sich das Thema ausführlich erlesen möchte, kann sich mein Buch Streitpaare bei seinem Lieblingsbuchhändler bestellen und dann in aller Ruhe herausfinden, wie man die eigene Beziehung befrieden kann.
Im Buch ist alles zu finden, was man für ein friedliches, harmonisches und gemeinsames Fest braucht. Für dieses Ostern ist es vielleicht schon zu spät, aber das nächste Fest kommt bestimmt!

Das eigene Unbewusste beeinflussen…

Ich habe den Titel dieses Blogs jetzt erweitert. Er heißt jetzt, „über das Unbewusste und wie man es beeinflussen kann“. Als Psychotherapeut möchte ich Menschen nicht frustrieren und zum Aufgeben nötigen, sondern ihnen dabei helfen aus ihrer Misere zu kommen und positive Veränderungen zu erreichen.  Also will ich mal etwas konstruktiver werden.

Wenn man sein eigenes Unbewusstes beeinflussen möchte, ist es ein bisschen wie in einem Krieg mit einem übermächtigen Gegner. Dieser hat einen allgegenwärtigen Überwachungsapparat und ist immer einen Schritt voraus. Wenn man ihn nicht genau studiert und seine Strategien und Schwachstellen nicht kennt, hat man kaum eine Chance. Wie viele Ratgeber haben Sie schon gelesen, ohne dass sich etwas in ihrem Leben verändert hat? Auch wenn die dort dargebotenen Ratschläge wohlüberlegt und in der Praxis anderer Menschen vielleicht auch effektiv waren, gehen sie dennoch an der Realität der meisten Leser vorbei. Jeder Mensch ist einmalig, es gibt keine Kopie. Auch die individuellen Lebenserfahrungen jedes einzelnen sind genauso einmalig. Da das Unbewusste aus diesen Lebenserfahrungen heraus seine Leitlinien entwickelt, ist jedes Unbewusste verschieden. Oder in einem anderen Bild, es ist eine individuell geschriebene Software, die man nur bedienen kann, wenn man sie kennt. Kennt man die Software einer Person, weiß man noch nichts über die von anderen.

Aha, da ist also die erste konkrete Aufgabe: das eigene Unbewusste studieren, herausbekommen was es will und wie es das zu erreichen versucht.

Nehmen wir mal einen Raucher, der vielleicht schon seit längerem versucht, sich sein Laster abzugewöhnen. Wenn er es jetzt noch nicht geschafft hat (mal angenommen er hat es versucht), hat er vermutlich seine eigene unbewusste Programmierung noch nicht verstanden.

Wie erkennt man die eigene unbewusste Programmierung? Durch Beobachtung dessen, was tatsächlich geschieht. Da das Unbewusste die stärkere Instanz ist und vom Hintergrund aus das Geschehen steuert, kann man am Geschehen die Wirkung des Unbewussten ablesen. Je mehr Informationen man abgreift, umso genauer wird das Bild werden. Unser Raucher müsste anfangen sein Rauchverhalten zu beobachten. Er sollte sich selbst solche Fragen stellen wie: Wann greife ich zur Zigarette? Was erlebe/fühle ich bevor ich das Bedürfnis spüre? Was macht das Rauchen mit mir – wie verändert sich mein Erleben und Fühlen?

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Bild: Barbara Eckholdt  / pixelio.de

In einem konkreten Fall in meiner Praxis konnte eine Raucherin erschließen, dass ihre Zigarette ihr die Erlaubnis gab, sich mal eine kleine Auszeit zu erlauben. Nur wenn sie eine Zigarette in der Hand hatte, ließen ihre drei Kinder sie für einen Moment in Ruhe. Alle hatten gelernt, dass jetzt nichts zu machen ist. „Mama raucht“, war gleichbedeutend mit: „Wir müssen uns jetzt alleine behelfen oder ein paar Minuten warten, bis wir sie weiter nerven dürfen“.

Natürlich hatte sie dies schon immer gewusst, aber sie hatte immer gedacht, dass das irgendwie auch ohne Zigarette geht. Ihrem Unbewussten war aber klar, dass sie über keine andere Möglichkeit verfügt, sich mal eine Auszeit zu verschaffen.

Erst die genaue Betrachtung machte ihr klar, wofür die Zigarette stand und, dass sie kein anderes Mittel hatte, ihren Kindern eine Grenze zu verdeutlichen. Sie hatte es ihnen nie beigebracht. Wir kriegten auch schnell heraus, warum das nie geschehen war. Sie hatte Schuldgefühle, für ihre Kinder nicht genug dazu sein. „Die haben ein Recht auf mich und das kann ich Ihnen nicht absprechen. Ich weiß wie es ist, wenn die eigene Mutter nie zur Verfügung steht.“ Sie selber war mit einer Mutter groß geworden, die viel zu selten präsent war. Und wenn sie da war, war sie immer beschäftigt. Weil sie das ihren Kindern nicht zumuten wollte, hatte sie es sich zum Prinzip gemacht, immer zur Verfügung zu stehen.

Aber weil das kein Mensch energetisch durchsteht hat ihr Unbewusstes mit Hilfe der Zigarette eine Notlösung gefunden, die keinen Konflikt mit den inneren Überzeugungen auslöste.

Nachdem sie das Ganze verstanden hatte, konnte sie zustimmen, dass ihre ansonsten wohl versorgten Kinder auch Grenzen ertragen können. Danach war es kein Problem mit diesen entsprechende Verabredungen zu treffen. Fast gleichzeitig konnte sie auf das Rauchen endgültig verzichten.

Ich bleibe dran…

Zeitumstellung und das Unbewusste…

Getriebe

Hat die heute, am 29. März stattfindende Zeitumstellung etwas mit meinem Thema „über das unbewusste“ zu tun? Ja, finde ich! Die Zeitumstellung ist für mich ein Beleg für die noch immer herrschende Überzeugung, dass es uns dient, wenn wir uns auf unsere rationale Logik verlassen. Jeder Mensch, der in Kontakt mit seiner Intuition ist – und die könnte man durchaus auch als Unbewusstes benennen – würde niemals etwas derartiges, wie diese Sommerzeit-Anpassung installieren. Es ist die Arroganz der Ratio, die so etwas zustande bringt. Selbstverständlich gibt es Argumente dafür. Die haben aber alle etwas mit Zeitmanagement, Leistungsverbesserung, Ökonomisierung und Ähnlichem zu tun. Die gegebene Helligkeit besser auszunutzen, weniger Energie für Beleuchtung etc. zu brauchen.

Der Mensch ist ein zutiefst rhythmisches Wesen. Wir atmen in einem, an unseren jeweiligen Aktivitätsstatus, genau angepassten Atemrhythmus. Unser Herz schlägt genauso angepasst an das, was wir gerade tun. Darüber hinaus schlafen wir in einem Rhythmus, der etwas mit der Geschwindigkeit der Drehung der Erde zu tun hat. So wie die Meere sich im Takt der Bewegung von Sonne und Mond und Erde heben und senken, so wirken diese Kräfte auch auf jeden einzelnen. Das alles hat sich im Laufe von 100-tausenden von Jahren eingependelt. Wenn wir jetzt daherkommen und in dieses feine System mit einem groben Hebel hinein wirken und von einem Tag auf den anderen 1 Stunde hinaus und später wieder hinein drücken, hat das nichts mehr mit Natur und körperlich/seelischer Stimmigkeit zu tun. Es ist genauso entfremdet, wie beispielsweise die Schichtarbeit. Es gibt kaum ein effektiveres Mittel, Menschen energetisch auszubluten. Ein Schichtarbeiter, der dies noch nicht bei sich bemerkt, ist entweder sehr jung und verfügt damit über scheinbar unerschöpfliche Kraftreserven oder macht diese Art der Arbeit noch nicht lange mit.

Ich bemerke bei mir selber schon seit vielen Jahren, dass diese Zeitumstellung tief in meine körperliche und seelische Selbstregulation eingreift. Ich brauche eine Woche oder mehr, um mich neu zu justieren und mit jedem Lebensjahr wird diese Zeit etwas länger. Von vielen in meiner Umgebung habe ich Ähnliches gehört und aktuell steht in der Zeitung, dass etwa 50 % diese Zeitumstellung nicht mehr wollen und in einem anderen Medium habe ich sogar eine Zahl von 75 % wahrgenommen. Warum haben wir nicht längst eingegriffen und sind wieder zur natürlichen, kontinuierlichen Veränderung des Sonnenstandes zurückgekehrt. Ich denke, weil in unserer Gesellschaft nach wie vor Kräfte regieren, denen alles andere wichtiger ist als das, was wir von Natur aus sind.

Dazu passt, dass mir gerade ein Vortrag über die Giftigkeit von Plastik und WLAN begegnet ist. Auch hier konstruieren wir uns eine Welt, die uns früher oder später umbringt, sollte uns die Anpassung an die mehr und mehr lebensfeindlichen Umweltbedingungen nicht gelingen.

Schon öfter benannt, wiederhole ich es dennoch: Jüngere neuro-wissenschaftliche Untersuchungen zeigten, dass das Bewusstsein nur eine nachgeordnete Instanz ist. Tatsächlich entscheidet im überwiegenden Fall das Unbewusste wo lang es gehen soll.

Wenn das, was wir mit vermeintlicher Ratio vermeintlich entscheiden, tatsächlich einer unbewussten Leitlinie folgt, wirft dies ein interessantes Licht auf diese Leitlinie. Wo strebt diese eigentlich hin?

In der Psychotherapie erschließen wir das Unbewusste einer Person, indem wir auf ihre unmittelbare Vergangenheit und Gegenwart schauen. Das was wir dort fort finden, war das, was das Unbewusste wollte. Vielleicht gilt das auch für eine ganze Gesellschaft. Das Ergebnis wäre erschreckend. Denn tatsächlich leben wir als Gesellschaft entfremdet von Körper und Seele und zeigen eine deutliche Tendenz uns die Lebensgrundlage zu nehmen. Energievorräte werden rasant verbraucht und Umwelt wird ebenso rasant zerstört.

Diese Tendenz ist noch immer ungebrochen, auch wenn es hier und da Gegenbewegungen bzw. Bremsmanöver gibt. Haben wir also unbewusst die Nase voll von diesem Sein? Sind wir schon auf dem Wege ins Aus?

Wenn das so ist, wird es Zeit Möglichkeiten zu finden, dieses gesellschaftliche Unbewusste zu verändern. Wenn es die Summe des Unbewussten jedes einzelnen Menschen ist, liegt es auch in der Hand jedes einzelnen. Was ist also zu tun?

Ich bleibe dran…

Foto: hrohmann, „Getriebe“, CC-Lizenz (BY 2.0)
http://creativecommons.org/licenses/by/2.0/de/deed.de
Stammt aus der kostenlosen Bilddatenbank www.piqs.de

Der Copilot stürzt sich in den Tod und reißt 150 Menschen mit sich. Wer trägt die Verantwortung?

Wenn das Unbewusste regiert, wer trägt dann die Verantwortung?

Meine Betrachtungen über das Unbewusste führen mich angesichts der aktuellen Vermutungen über die Ursache des jüngsten Flugzeugabsturzes zu der Frage, wer hier die Verantwortung trägt. Natürlich der, der es entschieden hat, werden die meisten antworten. Wenn das Bewusstsein aber nur eine nachgeordnete Instanz ist, die lediglich wahrnimmt, was tiefere Schichten schon vorher entschieden haben, kann ein Mensch dann überhaupt für sein Handeln verantwortlich gemacht werden? Da er sein Unbewusstes nicht steuert, liegt die Verantwortung beim Unbewussten. Aber wer prägt dieses? Woher nimmt das Unbewusste die Leitlinien für sein Handeln her? Woran orientiert es sich?

Das Unbewusste ist vor allem von Lebenserfahrungen geprägt. Die Grundstrukturen werden in der Kindheit aufgebaut und alle weiteren Erfahrungen werden in dieses Grundgerüst integriert. Ein Unbewusstes ist daher sehr stark von den Eltern und den weiteren Menschen bestimmt, die zum Lebensumfeld eines Kindes gehören. Die dort herrschende Kultur hat ebenfalls einen hohen Einfluss. Genetische Ausstattung und körperliche Gegebenheiten haben auch eine Bedeutung. Gene sind allerdings sehr viel plastischer als wir lange Zeit vermutet haben. Soziale Bedingungen und die persönlichen Eigenschaften der Eltern haben einen viel höheren Einfluss auf das Werden einer Person.

Ein Mensch, der als erwachsener einen Suizid begeht, hat vermutlich schon sehr früh in seinem Leben mit diesem gehadert. Er wird keinen Zugang zu den positiven Aspekten des Miteinanders haben, sondern sich schon sehr früh in seinem Leben verlassen, überfordert, vielleicht nutzlos, vielleicht wertlos gefühlt haben. Jeder Mensch lernt im Elternhaus (oder den Ersatzinstitutionen dafür) wie er sich zum Leben stellt und seinen Platz im Miteinander findet. Das Grundvertrauen zur Mutter/zum Vater wird zum Vertrauen in die Welt. Die Mutter hat dabei noch einen besonderen Stellenwert, weil jedes Kind etwa neun Monate im Bauch der Mutter verbringt und sich deshalb in besonderer Weise mit ihr verbindet. Die Mutter ist die ursprünglichste Umgebung. Sie ist am Anfang die ganze Welt des Embryos. Zu ihr hat er Urvertrauen, mit ihr verbindet er geborgen sein, getragen werden etc. Wenn eine Mutter nicht in der Lage ist, dieses ursprüngliche Vertrauen auch nach der Geburt immer wieder zu bestätigen, wird es brüchig, und zerreißt sogar unter Umständen. Aus Urvertrauen wird Misstrauen.

Sind also die Mutter oder andere Personen aus der Kindwelt des Copiloten an dem Flugzeugunglück schuld? Sollte sich dieser Mann tatsächlich suizidiert und dabei 150 Menschen mit in den Tod gerissen haben, kommt man nicht daran vorbei, auf seine Kindheit zu schauen. Mit großer Wahrscheinlichkeit war diese Mitwelt nicht in der Lage, ihm das zu geben, was er gebraucht hätte, um sich anders zu verhalten.

Aber eine Mutter kann genau wie jeder andere nur geben was sie hat. Wenn sie nicht in der Lage war, ihm einen Bezug zum Leben, zu anderen Menschen und zur Welt zu vermitteln, der ihn und die anderen hätte überleben lassen, dann kann man ihr auch keinen Vorwurf machen. Es bringt also nichts mit dem Finger auf die Mutter zu zeigen oder auf andere. Alle hatten Eltern, die ihnen nur geben konnten was sie hatten, genau wie deren Eltern und deren Eltern, bis zurück zu Adam und Eva.

Tatsächlich ist dieses Unglück nur ein Ausdruck dafür, wie wenig wir Menschen in der Lage sind ein gutes Miteinander verlässlich zu gestalten. Wir haben eine Welt aufgebaut in deren Mitte Einzelne sich vollkommen verloren fühlen können. Der Copilot hat ein nach außen hin intaktes Leben geführt. Offenbar war es nur eine Fassade und dahinter waren Verzweiflung und auch ein großer Hass auf seine Mitwelt, die ihn nicht in seiner Not entdeckt und ihn nicht in ihre Mitte geholt hat. Dieses Geschehen ist nur ein Spiegel unseres Seins. Ja, so leben wir.

Der Weg der menschlichen Entwicklung hat uns hierher geführt und Aussichten auf Veränderung gibt es kaum. Ich träume von einer Gesellschaft, die ihren Kindern mehr als nur die zwei Elternfiguren (oft ist es heutzutage nur noch eine alleinerziehende Person) an die Seite stellt. Bei mehr Personen, die zum privaten Alltag eines Kindes gehören und sich auch verantwortlich fühlen, wird das Ausgeliefertsein an die persönlichen Mängel der Eltern geringer. Es erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, dass es jemanden gibt, der oder die sich von Herzen beziehen kann und zumindest ein Restvertrauen in die Menschheit bleibt. Tatsächlich erleben wir, dass sich die Menschen mit ihrem Privatleben immer weiter zurückziehen. Damit wird der Zugang zum größten Schatz von uns Menschen, ich meine unsere Fähigkeit uns aufeinander zu beziehen und miteinander zu leben, immer weiter verbaut.

Die gleichzeitige zunehmende Vernetzung über Handy, Computer und Internet ist kein Ausgleich für wirkliche Begegnung. Erst vor etwa 20 Jahren wurden die Spiegelneuronen beim Menschen entdeckt. Das sind Nervenzellen, die nur den Zweck haben das Gegenüber zu betrachten und hinsichtlich seiner Motive und Absichten zu analysieren. Dabei stellt sich das beobachtende Gehirn vor, wie es sich selbst fühlen würde, wenn es genau diese Mimik, Gestik, Bewegung, Sprache etc. wie das Gegenüber hat. Das passiert ständig und vollkommen unbewusst. Wir fühlen uns also unentwegt in unser Gegenüber ein. Wo immer wir jemanden treffen, kriechen wir sozusagen in die andere Person ein, verbinden uns und bilden so für einen Moment ein kleines Netzwerk. Einfühlen und Mitfühlen entstehen auf dieser Grundlage. Ich bin überzeugt, dass die Datenmenge, die in wenigen Augenblicken dabei ausgetauscht wird auch durch einen wochenlangen SMS (WhatsApp etc) Austausch nicht annähernd erreicht wird. So gesehen, verarmen wir in unserer Kommunikation.

Und weil fehlende Begegnung und fehlendes Miteinander letztlich die Ursache für den Absturz war, wird noch einiges auf uns zukommen. Mit dem eigenen Tod noch einen Paukenschlag zu veranstalten ist eben nicht nur ein Privileg von religiösen Extremisten.

 

Dem Unbewussten auf der Spur

Das Unbewusste ist ein spannendes Thema. Es war im Wesentlichen Siegmund Freud, der darauf hinwies, dass es eine Instanz im Menschen gibt, die vieles bewirkt und beeinflusst und dabei dem Bewusstsein nicht zugänglich ist. Im ursprünglichen Verständnis von Freud war dieses Unbewusste eher ein Anhängsel des Bewusstseins. Es enthielt nach seiner Überzeugung das Verdrängte, also Stoff, der ursprünglich mal bewusst war.

Die moderne Neurowissenschaft kommt aber zu ganz anderen Ergebnissen. Scheinbar ist das Bewusstsein eher ein Anhängsel des Unbewussten. Viele unserer Handlungen sind schon im Unbewussten vorbereitet und entschieden, bevor das Bewusstsein überhaupt etwas davon mitbekommt. In Vieles wird das Unbewusste überhaupt nicht einbezogen.
Da taucht die Frage auf, wozu das Bewusstsein überhaupt dient. Und jeder Mensch, der etwas in seinem Leben verändern will, muss sich fragen, ob ein bewusster Entschluss etwas im eigenen Leben umzubauen, überhaupt etwas bewirken kann. Wenn das Unbewusste die Zügel in der Hand hat, müssten Veränderungen doch dort ankommen. Wie kann man es aber erreichen und beeinflussen?

Ich vermute, dass viele Menschen mit ihren Veränderungswünschen deshalb scheitern, weil sie die „Rechnung ohne den Wirt“ machen. Wer überzeugt ist, dass er mit seinen bewussten Entscheidungen die Richtung in seinem Leben vorgeben kann, kann entsprechend diesen neueren Erkenntnissen keinen Erfolg erreichen. Wird das eigene Unbewusste nicht berücksichtigt, wird es auch weiterhin aus dem Verborgenen heraus die Richtung vorgeben. Und das wird zwangsläufig dieselbe Richtung sein, die schon vorher das Leben bestimmte.

Für mich ist das ein spannendes Thema. In meinem Buch Streitpaare dreht sich vieles darum die Beteiligung bis dahin unbewusster Aspekte aufzudecken. Aber vielleicht lässt sich derselbe Ansatz auch in ganz anderen Lebensbereichen fruchtbar verwenden. Wenn ein Raucher zum Beispiel nicht schafft seine Sucht zu beenden, auch wenn er das wirklich will, ist mit Sicherheit eine Beteiligung seines Unbewussten gegeben. Könnte man diese Beteiligung aufdecken, wäre danach eine Veränderung machbar. Dasselbe gilt vermutlich auch für Übergewicht, Ängste…

Ich bleibe dran.